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📝Notkeksdosen von 1961 – Victoria, De Gruyter, Verkade & Patria (Blog)

Notkekse aus dem Kalten Krieg – Ein vergessenes Stück niederländischer Geschichte

Eine gelbe Metalldose, 72 Kekse und ein kleiner Öffnungsschlüssel. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Lebensmittelverpackung aus dem Jahr 1961 aussieht, erzählt eine bemerkenswerte Geschichte über die Niederlande während des Kalten Krieges.

Es war eine Zeit, in der die Angst vor einem weiteren Weltkrieg allgegenwärtig war. Selbst Kekshersteller spielten damals eine Rolle bei den Vorbereitungen auf mögliche Notfälle.


Eine ungewöhnliche Kundenanfrage

Manchmal beginnt eine interessante historische Geschichte mit einer einfachen Frage.

Vor Kurzem erhielten wir bei Retro & Design eine Anfrage zu einer originalen Victoria-Notkeksdose aus dem Dezember 1961.

Der Kunde hatte von einem ehemaligen Kollegen gehört, dass diese Dosen speziell für das niederländische Katasteramt (Kadaster) hergestellt worden seien.

Das machte uns neugierig. Für wen waren diese Dosen tatsächlich bestimmt? Und warum existieren nahezu identische Exemplare verschiedener niederländischer Kekshersteller?

Wir beschlossen, der Sache nachzugehen.


Die Niederlande während des Kalten Krieges

Anfang der 1960er-Jahre lebte Europa unter der ständigen Bedrohung eines möglichen Konflikts zwischen dem Westen und der Sowjetunion.

Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg waren noch frisch, während die Entwicklung von Atomwaffen neue Unsicherheiten mit sich brachte.

Auch die Niederlande bereiteten sich auf mögliche Notfälle vor. Bereits 1952 wurde die niederländische Zivilschutzorganisation Bescherming Bevolking (BB) gegründet, um die Bevölkerung vor den Folgen von Krieg und schweren Katastrophen zu schützen.

Schutzräume wurden vorbereitet, Übungen durchgeführt und Informationskampagnen organisiert.

1961 veröffentlichte die niederländische Regierung die bekannte Broschüre Wenken voor de bescherming van uw gezin en uzelf (Hinweise zum Schutz Ihrer Familie und Ihrer selbst).

Auch die Lebensmittelversorgung spielte bei diesen Vorbereitungen eine wichtige Rolle.

Was würde geschehen, wenn Geschäfte geschlossen blieben, Transporte ausfielen oder Menschen über längere Zeit auf Notvorräte angewiesen wären?


72 Kekse als Notration

Ein greifbares Zeugnis dieser Vorbereitungen ist die charakteristische rechteckige Notkeksdose.

Nach den Originalangaben auf einer Victoria-Dose enthielt sie:

  • 72 Notkekse mit einem Gesamtgewicht von etwa 1 Kilogramm.
  • Acht Kekse pro Notmahlzeit.
  • Ungefähr 520 Kalorien pro Notmahlzeit.
  • Insgesamt neun Notmahlzeiten.

Der Inhalt einer Victoria-Notkeksdose von 1961. KI-Rekonstruktion auf Grundlage von Videoaufnahmen, die das Öffnen einer Originaldose zeigen.

Die Kekse sollten eine kompakte, energiereiche und lange haltbare Lebensmittelreserve darstellen.

Laut Verpackungsangaben blieb der Inhalt bei ungeöffneter Dose und kühler, trockener Lagerung mehrere Jahre genießbar.

Am Deckel befand sich ein kleiner Öffnungsschlüssel aus Metall. Mit diesem ließ sich ein schmaler Metallstreifen aufrollen, um die Dose zu öffnen.

Die Verpackung war schlicht und funktional, vor allem aber für eine langfristige Lagerung konzipiert.


Vier niederländische Hersteller von Notrationen

Interessanterweise wurden diese Notkekse nicht nur von einem einzigen Unternehmen hergestellt.

Heute sind Exemplare von mindestens vier niederländischen Herstellern bekannt.

Victoria – Dordrecht

Die N.V. Biscuit- en Chocoladefabriek Victoria aus Dordrecht gehörte zu den Herstellern.

Ein Originalexemplar aus dem Dezember 1961 befindet sich in unserer Sammlung bei Retro & Design.

Die goldgelbe Metalldose enthält noch ihren ursprünglichen Inhalt und besitzt weiterhin den originalen Öffnungsschlüssel.

Für uns ist die Verbindung zu Dordrecht besonders interessant. Victoria war über viele Jahre ein bekannter Name in der niederländischen Keks- und Schokoladenindustrie.

Umso faszinierender ist die Entdeckung, dass diese Fabrik während des Kalten Krieges auch an der Herstellung von Notrationen beteiligt war.

De Gruyter

Auch De Gruyter stellte Notkekse her.

Das Unternehmen ist vor allem durch seine ehemalige Lebensmittelgeschäftskette bekannt, deren Filialen früher in zahlreichen niederländischen Städten zu finden waren.

Bekannte Notkeksdosen von De Gruyter stammen unter anderem aus dem Jahr 1962.

In Form, Farbe, Inhalt und aufgedruckten Anweisungen ähneln sie stark der Victoria-Ausführung.

Auch auf diesen Dosen wird das niederländische Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei erwähnt.

Koninklijke Verkade Fabrieken – Zaandam

Ein dritter Hersteller war Verkade aus Zaandam.

Das Museum Rotterdam besitzt eine originale Verkade-Notkeksdose aus dem November 1961.

Laut Verpackungsaufdruck enthielt sie neun Päckchen mit jeweils acht Keksen und einem Gesamtgewicht von ungefähr einem Kilogramm.

Auch hier wird das niederländische Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei genannt.

Die Gestaltung ist nahezu identisch mit den Dosen von Victoria und De Gruyter. Dies deutet darauf hin, dass die Hersteller nach gemeinsamen Produktionsvorgaben arbeiteten.

Patria – Eine weniger bekannte Variante

Neben diesen drei bekannten Namen taucht auch Patria als Hersteller von Notkeksen auf.

Die niederländische Stiftung Stichting Het Behouden Blik, die sich der Erhaltung historischer Blechdosen widmet, besitzt ein Exemplar von Patria in ihrer Sammlung.

Andere bekannte Patria-Notrationsdosen enthalten ungefähr 980 Gramm Kekse und sind teilweise mit einem Papieretikett versehen.

Diese Ausführung unterscheidet sich von den bekannten goldgelben Dosen der Hersteller Victoria, De Gruyter und Verkade.

Ob Patria genau dieselbe Rezeptur verwendete und wie diese Notrationen verteilt wurden, bleibt Gegenstand weiterer historischer Nachforschungen.


Die Rolle des niederländischen Ministeriums für Landwirtschaft und Fischerei

Auf den Dosen von Victoria, De Gruyter und Verkade befindet sich ein wichtiger Hinweis.

Sinngemäß lautet dieser:

„Hergestellt in Absprache mit und nach der Rezeptur des Ministeriums für Landwirtschaft und Fischerei durch ...“

Anschließend folgt der Name des jeweiligen Herstellers.

Diese Formulierung zeigt, dass die niederländische Regierung an der Entwicklung der Kekse beteiligt war.

Die Übereinstimmungen bei Inhalt, Nährwert und Verpackung lassen auf ein standardisiertes Vorgehen mehrerer Hersteller schließen.

Wie viele Dosen tatsächlich produziert wurden und wie die Produktionsaufträge vergeben wurden, konnte bislang jedoch nicht festgestellt werden.


Wurden diese Dosen speziell für das niederländische Katasteramt hergestellt?

Damit kommen wir zur ursprünglichen Frage unseres Kunden zurück.

Wurden diese Notkeksdosen speziell für das niederländische Katasteramt, den sogenannten Kadaster, hergestellt?

Auch das Katasteramt gehörte zu den staatlichen Einrichtungen, die während des Kalten Krieges mögliche Krisensituationen berücksichtigen mussten.

Schließlich mussten wichtige öffentliche Dienstleistungen auch im Notfall möglichst aufrechterhalten werden.

Eine Korrespondenz mit dem Kadaster im Oktober 2026 bestätigte inzwischen, dass Victoria-Notkeksdosen dieses Typs damals tatsächlich an Mitarbeiter des Katasteramtes ausgegeben wurden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Dosen speziell oder ausschließlich für das Katasteramt hergestellt wurden.

Im Gegenteil: Es gibt deutliche Hinweise auf eine wesentlich breitere Verteilung innerhalb der Bevölkerung.

So befindet sich beispielsweise in der Sammlung des Kijk & Luistermuseum eine Victoria-Notkeksdose, die ursprünglich einem örtlichen Blockwart der Zivilschutzorganisation Bescherming Bevolking gehörte.

Daneben existieren persönliche Erinnerungen an vergleichbare Notrationen, die auch an Privathaushalte ausgegeben wurden.

Nach Angaben des Kadaster waren diese Dosen nicht ausschließlich für die eigenen Mitarbeiter bestimmt, sondern Teil umfassenderer Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung.

Obwohl die Ausgabe an Mitarbeiter des Katasteramtes inzwischen bestätigt ist, bleiben die genauen Umstände der Beschaffung und Verteilung bislang ungeklärt.

Historische Bestandsverzeichnisse, Einkaufsunterlagen oder Archivdokumente könnten künftig weitere Antworten liefern.


Eine bemerkenswerte Untersuchung aus dem Jahr 2013

Wie lange konnten diese Notkekse tatsächlich genießbar bleiben?

Diese Frage stellte sich auch der niederländische Verbraucherverband Consumentenbond.

Im Jahr 2013 untersuchte die Organisation verschiedene sehr alte Lebensmittel, darunter zwei originale Notkeksdosen: ein Victoria-Exemplar von 1961 und eine De-Gruyter-Dose von 1962.

Die Forscher untersuchten unter anderem den Zustand der Verpackungen und die Qualität des Inhalts.

Bemerkenswerterweise wurden die Notkekse aus dem Jahr 1962 nach mehr als fünfzig Jahren geschmacklich noch als einigermaßen akzeptabel beurteilt.

Allerdings wirkten sie blass und hatten einen etwas künstlichen Geruch.

Die Untersuchung verdeutlichte die erstaunliche Wirksamkeit der damaligen Konservierungs- und Verpackungsmethoden.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Kekse dieses Alters heute noch bedenkenlos verzehrt werden können.

Der Zustand der Verpackung, die Lagerbedingungen und mögliche Veränderungen des Inhalts spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Für Sammler ist es deshalb die bessere Entscheidung, diese historischen Dosen ungeöffnet zu lassen.


Vom Notvorrat zum Sammlerstück

Mehr als sechzig Jahre später haben diese Dosen eine völlig andere Bedeutung erhalten.

Was einst als Vorsorge für mögliche Notfälle hergestellt wurde, ist heute zu einem faszinierenden Sammlerstück geworden.

Für Liebhaber historischer Verpackungen, niederländischer Industriegeschichte und Erinnerungsstücke aus dem Kalten Krieg sind diese Dosen besonders interessant.

Vor allem ungeöffnete Exemplare mit originalem Inhalt und erhaltenem Öffnungsschlüssel sind für Sammler reizvoll.

Auch Alters- und Gebrauchsspuren gehören zu ihrer Geschichte.

Kleine Dellen, Verfärbungen und Spuren jahrzehntelanger Lagerung erinnern daran, dass diese Dosen viele Jahrzehnte überdauert haben.

Manche standen möglicherweise jahrelang in einem Keller, Schrank oder Lagerraum und warteten auf einen Notfall, der glücklicherweise nie eintrat.


Eine kleine Dose mit einer großen Geschichte

Die Notkeksdosen von Victoria, De Gruyter, Verkade und Patria sind weit mehr als alte Lebensmittelverpackungen.

Sie erinnern an eine Zeit, in der die Bedrohung durch Krieg zum Alltag gehörte und Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen sich auf eine ungewisse Zukunft vorbereiteten.

Dass bekannte niederländische Kekshersteller an der Produktion solcher Notrationen beteiligt waren, macht ihre Geschichte umso bemerkenswerter.

Eine einfache Metalldose voller Kekse erweist sich damit als greifbares Stück niederländischer Geschichte.

Und genau das macht das Sammeln von Vintage-Objekten so faszinierend.

Hinter fast jedem alten Gegenstand verbirgt sich eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

Retro & Design – Vintage-Objekte mit Geschichte.


► Historische Videoaufnahmen – Öffnung einer Victoria-Notkeksdose

Ein faszinierender Blick in die Vergangenheit: Im Video „Eetbare geschiedenis“ (Essbare Geschichte) öffnet das Driestar College eine etwa 55 Jahre alte Victoria-Notrationsdose aus den 1960er-Jahren.

Die Aufnahmen zeigen, wie die Kekse ursprünglich in der Dose verpackt waren und wie der Inhalt nach mehr als einem halben Jahrhundert aussah.

Das Video kann zusammen mit den Bildern zu diesem Artikel angesehen werden.

Quelle: Driestar College, Eetbare geschiedenis, YouTube, 8. Januar 2020.


Weiterführende Quellen & historische Dokumentation

Dieser Artikel basiert auf historischen Museumssammlungen, Archivmaterial und veröffentlichten Untersuchungen:

  • Museum Rotterdam ↗ – Originale Verkade-Notkeksdose von 1961.
  • Verzetsmuseum Amsterdam ↗ – Victoria-Notkekse aus dem Dezember 1961.
  • Kijk & Luistermuseum ↗ – Notrationsdose und die niederländische Zivilschutzorganisation Bescherming Bevolking.
  • Stichting Het Behouden Blik ↗ – Notrationskekse von Patria.
  • Consumentenbond (2013) ↗ – Untersuchung zur Haltbarkeit historischer Lebensmittel.

 

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ℹ️ Unsere Artikel sind Vintage und können leichte Gebrauchsspuren aufweisen. Diese werden so sorgfältig wie möglich beschrieben und – wenn möglich – auf den Fotos gezeigt.

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